„Was mir die Engel erzählen“

der Auftritt des Kinderchores bei Gustav Mahlers 3. Sinfonie

Der Knabenchor und ein Teil der Gesangsklasse 6 traten am 17., 18. und 19.8.19 zusammen mit dem Jugendsinfonieorchester Kassel bei Gustav Mahlers 3. Sinfonie auf. Diese Tournee war für die jungen Sängerinnen und Sänger ein eindrückliches und großartiges Erlebnis.

Als ich die Anfrage des Jugendsinfonieorchesters Kassel im vergangenen Winter bekam, ob der Knabenchor der Schule nicht bei dem geplanten Jubiläumsauftritt des bewährten und nahezu professionellen JSO von Mahlers 3. Sinfonie mitsingen möchte, musste ich einen kurzen Augenblick überlegen. Sind genügend Sänger dabei? Sind sie laut genug? Wird das Projekt von den Eltern getragen? Ist es nicht zu schwer? Was ist, wenn plötzlich alle nach den Sommerferien im Stimmbruch sind? Schaffen das die Kinder neben dem normalen Schulbetrieb… ? Fragen dieser Art schwirrten mir durch den Kopf, bevor ich dann aber doch relativ schnell und mit großer Zuversicht, Vorfreude und Spannung zusagte.

Gustav Mahler hatte ursprünglich einen Knabenchor für den Auftritt im 5. Satz vorgesehen. Den mussten wir aber ein bisschen aufstocken und daher kamen noch 10 weitere Mädchen aus der jetzigen Gesangsklasse 6 hinzu. Nach dem Vortragsabend im Mai kamen wir dann regelmäßig für gemeinsame Proben zusammen und wurden immer sicherer im Umgang mit dieser für die Kinder doch ungewohnten und anfangs etwas sperrig wirkenden symphonischen Musik Gustav Mahlers.

Nachdem dann der Gesangspart und die (von den Eltern hervorragend gemeisterte!) komplizierte Logistik vor den Sommerferien eingetütet war, konnten wir uns am ersten Schultag des neuen Schuljahres auf die erste große Probe mit zwei Mitgliedern aus dem Orchester freuen. Alles klappte und wir konnten der Hauptprobe am Donnerstag mit dem 95-köpfigen Orchester zuversichtlich entgegensehen.

Was für eine Wucht! Alle waren von der Musik, den jungen, begeisterten Musikern, dem Dirigenten Kiril Stankov und der Länge des Werks tief beeindruckt und fast erschlagen. Vis à vis bekamen die jungen Sängerinnen und Sänger die Kraft und Magie dieser Musik mit. Ein Teil dessen zu sein, war nun spürbar und verlangte allen viel Disziplin, Offenheit, Standhaftigkeit und Aufmerksamkeit ab. Dennoch war die Ehrfurcht vor alledem nicht so groß, als dass nicht viele Fragen an den Dirigenten gestellt wurden. Warum man nun die Hände während des Singens als Trichter formen müsse, war zum Beispiel etwas, was die Kinder nicht so einfach hinnehmen wollten. Die Anmerkung des Komponisten für diesen Satz „keck im Ausdruck“ traf zumindest schon mal hier voll zu!

„Meine Symphonie wird etwas sein, was die Welt noch nicht gehört hat! Die ganze Natur bekommt darin eine Stimme und erzählt so tief Geheimes, das man vielleicht im Traume ahnt! Ich sage Dir, mir ist manchmal selbst unheimlich zumute bei manchen Stellen, und es kommt mir vor, als ob ich das gar nicht gemacht hätte.“

 (Gustav Mahler an Anna Bahr-Mildenburg, 18. Juli 1896)

Diese Worte Mahlers über sein Werk fand ich auch in Bezug auf den Kinderchor insofern zutreffend, dass diese intensiven Proben- und Konzerttage auf die Kinder in besonderem Maße wirkten und diese etwas Musikalisches erlebten, was bis dato für sie noch nicht dagewesen war. Und obgleich sie alle sehr selbstbewusst und mit großer Sicherheit und Zuverlässigkeit auftraten, war diese Ehrfurcht vor alledem doch insbesondere im sehr ergreifenden 6. Satz spürbar. Keiner klagte über das lange Stehen, niemand hinterfragte, ob dies auch wirklich nötig sei, alle spürten diese „Stimme, die so tief Geheimes“ erzählte.  Bei jedem Konzert konnte ich mich nicht satthören, an dem „was die Engel (die Kinder) erzählen“ (so das Programm Mahlers als „Wegweiser“ für den Stimmungsinhalt des 5. Satzes).

Am Ende gab´s viel Lob vom Dirigenten, den Musikern, von mir und natürlich auch von den stolzen Eltern, die ihre Kinder in Helmarshausen, in Ahnatal-Weimar, in Stadtallendorf und natürlich beim großen Abschlusskonzert in der Stadthalle neben insgesamt über 1000 Zuhörern bewunderten.

Julia Huss