Kasseler Musikgeschichte
Kassel - die Stadt der Musik. Hier haben sich Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach, Louis Spohr, Gustav Mahler, Ernst Krenek und Matthias Pintscher für eine kurze oder längere Zeit aufgehalten. Hier haben Kastraten mit Primadonnen gestritten, Landgrafen mit Komponisten verhandelt, Verleger und Instrumentenbauer gearbeitet. Schülerinnen und Schüler des 12er-Musikurses (Abi 2005, Dr. Wicke) schreiben den Band „Kasseler Musikgeschichte", der 2004 beim Wartberg Verlag erscheint.
Zur Entstehung der „Kasseler Musikgeschichte" - ein Tagebuch
September 2003: Ein Drohbrief geht im 12er Musikkurs von Herrn Dr. Wicke ein, in dem es um das Verfassen von Hausarbeiten geht, die einzelne Aspekte aus Kassels Musikgeschichte thematisieren. Immerhin soll die Arbeit einen Klausurersatz darstellen. „Irgendwann könnte daraus vielleicht ein Buch werden", visioniert eine Stimme aus dem Off.
Dezember 2003: Nach harter Arbeit, mancher durchwachten Nacht und vielen Korrekturen ist endlich der Tag der Abgabe gekommen. Nun liegt es bei Herrn Dr. Wicke, die Texte zu bewerten und die groben literarischen Verbrechen zu richten. Dabei muss er die sensible Grenze zwischen Motivation und Gerechtigkeit wahren, denn der Weg zum Buch ist noch weit.
Februar-Mai 2004: Unser Lehrer mutiert zu unserem Lektor, der erbarmungslos dafür kämpft, dass die Texte druckreif umgearbeitet werden - wieder und wieder. Was nach einfacher Arbeit klingt, schließlich fertigt man in einem Schülerleben Dutzende von Verbesserungen an, dauert deutlich länger als erwartet. Das Hin und Her von halbseitig bedruckten Korrekturfahnen wird zu einem langwierigen Prozess von Kürzungen, Umformulierungen, Ergänzungen, Überprüfungen und Verbesserungen. Das vielfache Lesen der eigenen Texte führt erfahrungsgemäß schnell zum Überdruss, doch an dieser Stelle ist Hartnäckigkeit gefragt, die Herr Dr. Wicke nachdrücklich einfordert. Perfektionismus kann sehr anstrengend sein.
31. März 2004: In der behaglichen Atmosphäre der geschlossenen Aulabühne findet die erste Präsentation unseres Projektes statt. Die Aufregung unter den Beteiligten ist dementsprechend groß und alle Plätze sind von stolzen Eltern, interessierten Lehrern und Angehörigen besetzt, außerdem ist die Presse anwesend. Nach einer flotten Eingangsrede von Herrn Dr. Wicke folgt ein nahezu perfekter Ablauf unseres Vortrages, der mit viel Applaus belohnt wird. Am Ende singen wir mit Gitarrenbegleitung „Auf, du junger Wandersmann" - die erste Publikation des Kasseler Bärenreiter-Verlages und angebliche Hymne unserer Schule.
1. April 2004: Einen Tag nach der Präsentation schenkt uns auch das Radio seine Aufmerksamkeit. Katja Metz stellt für hr4 ausführlich die „Kasseler Musikgeschichte" vor, dazwischen O-Töne von Andreas Wicke und Myriam Will. Während Myri in ihrem ersten großen Radioauftritt stolz von den Freuden der Projektarbeit berichtet, nutzt Andreas Wicke die Chance, für ein Buch zu werben, das es noch gar nicht gibt. Zusammen mit den gelesenen Textauszügen von Aydo und Stina rühren wir nicht nur die Werbetrommel, sondern geben auch einen kleinen Vorgeschmack auf unsere geplante Veröffentlichung.
22. April 2004: Unter dem Titel „Der Denkmal-Mann vor C&A" schreibt Vera Rietschel in der HNA: Die Schüler beschäftigen sich seit September mit der Kasseler Musikgeschichte. Sie forschten im Stadtarchiv, der Stadt- und der Hochschulbibliothek und im Internet. Immer auf der Suche nach dem besonderen Bezug von Komponisten, Sängern oder anderen Musikschaffenden zu Kassel. Leonie Biehler kümmert sich zum Beispiel „um den Mann vor C&A". Vor dem Projekt wusste sie nicht, dass das Denkmal den Komponisten, Geiger, Dirigenten und Kasseler Hofkapellmeister Louis Spohr (1784-1859) darstellt. „Jetzt gucke ich immer hin, wenn ich dran vorbeigehe." [...] Bei ihrer Arbeit hätten die Schüler auch viel über Lokalgeschichte gelernt, sagt Lehrer Andreas Wicke. Denn die Schicksale der Künstler seien ja eng mit ihrer Zeit verwoben. So wurde zum Beispiel „Johnny spielt auf" von Ernst Krenek als „Negeroper" von den Nazis verunglimpft. Der Wiener Komponist, der in den 1920er-Jahren in Kassel wirkte, wanderte in die USA aus, trotzdem blieb er der Fuldastadt freundschaftlich verbunden. Aydogan Makasçi fand im Stadtarchiv einen Brief des Musikers, indem er 40 Jahre später dem Oberbürgermeister für seine gute Zeit in Kassel dankt. [...]
26. April 2004: „Zwischen Herrn Dr. Andreas Wicke [...] - im folgenden Herausgeber genannt - und der Wartberg Verlag GmbH & Co. KG [...] - im folgenden Verlag genannt - wird folgender Vertrag geschlossen, der auch für die beiderseitigen Rechtsnachfolger gilt". Jetzt gibt es kein Zurück mehr.
April-Juni 2004: Da unsere finanziellen Mittel minimal sind, unser Buch aber dennoch mit Bildern versehen werden soll, müssen diese kostengünstig sein. Der Weg ist mühsam, für jedes einzelne Bild werden freundlich flehende Bittbriefe formuliert, um die Rechte zum Abdruck möglichst kostenlos zu erhalten. Unerwartete Fragen tauchen auf: Die Welt ist voller Bach-Bilder, aber wer ist offizieller Rechtsinhaber? Juristische Abgründe tun sich auf.
Am 4. September 2004 findet im Rahmen der Museumsnacht die Präsentation unseres Projektes im Kasseler Stadtmuseum statt. Bei brütender Hitze bekommt Herrn Dr. Wickes Stimme zum ersten Mal einen leicht hysterischen Klang, als Leo beichtet, die falsche CD-ROM mitgebracht zu haben. Die drohenden Worte „Das ist nicht dein Ernst" entpuppen sich als trügerische Hoffnung. Nachdem das Problem behoben ist, beginnen wir - im Beisein von mehreren Nonnen, Rentnern und Mitgliedern des Lehrerkollegiums - mit der Vorlesung. Diese ist objektiv betrachtet weniger gut als die Erstpräsentation in der Schule, so kommt es zu peinlichen Versprechern: „Wenn schon Bachs Fußfertigkeit ein solches Geschenk verdiente, was hätte ihm der Prinz geben müssen, wenn er noch die Füße dazugenommen hätte. (Stina bemerkt den Fehler) Und die Hände, die Hände auch noch..." Weitere Peinlichkeiten lassen nicht lange auf sich warten und notdürftig unterdrückte Lachkrämpfe treten auf, als Christian wiederholt den Namen „Vötterle" mit weichem Doppel-d ausspricht. Die stimmliche Bewältigung des ewig „jungen Wandersmannes" ist in ernsthafter Gefahr.
2. November 2004: Das Buch erscheint - reich bebildert und fest gebunden - und liegt kurz darauf in fast allen Kasseler Buch- und Musikalienhandlungen aus. Wenige Tage später fährt Stinas Vater mit dem Zug nach Frankfurt. Ihm gegenüber sitzt eine Frau, die plötzlich ihre Tasche öffnet, unser Buch herausholt und angeregt zu lesen beginnt. Diese Erzählung löst im Kurs wahrhafte Begeisterungsstürme aus.
Am 30. November 2004 findet sich unser Musikkurs zur Buchübergabe an Bürgermeister Thomas-Erik Junge im Kasseler Rathaus ein. Alle sind da, Presse, Schulleitung und Verlag - nur der Bürgermeister nicht, der hat einen Auswärtstermin. Verspätet und nach diversen Gruppenfotos geleitet uns Herr Junge in sein Büro, wo uns Lebkuchen und Getränke erwarten, es ist Advent. Dann berichtet der Bürgermeister über Kassels Kandidatur als Kulturhauptstadt 2010, wozu wir mit unserem Buch einen Beitrag leisten. Nach etwa einer halben Stunde beenden wir zur Erleichterung der Sekretärin, die die völlige Überfüllung der bürgermeisterlichen Behausung irritiert, unseren Termin.
2. Dezember 2004: Georg Pepl stellt das Buch in der HNA vor: Kassel ist eine Musikstadt. Wer das noch nicht weiß, sollte die eben erschienene „Kasseler Musikgeschichte" lesen. Das Außergewöhnliche: Nicht Fachhistoriker, sondern Schüler des Wilhelmsgymnasiums haben das Buch verfasst. Diese Leistung würdigte Bürgermeister Thomas-Erik Junge bei der Buchpräsentation im Rathaus, an der eine Schülergruppe, der Lehrer und Projektleiter Dr. Andreas Wicke, Schulleiter Dr. Hans-Jügen Ziegler und der Verleger Peter Wieden vom Wartberg Verlag teilnahmen. Junge hob die Bedeutung des Buchs für die Erschließung des Kulturstandortes Kassel hervor, denn entgegen allen Imageproblemen gelte: „Man muss in dieser Stadt nichts erfinden, man muss es nur finden." Gefunden haben die Schüler in der Tat einen reichen Schatz an musikalischer Geschichte. Sie spannen den Bogen von dem Landgrafen Moritz und Heinrich Schütz über Louis Spohr und Gustav Mahler bis zu den zeitgenössischen Komponisten Reinhard Karger und Matthias Pintscher. Die 19 Porträts informieren zudem über Institutionen wie den Bärenreiter-Verlag oder das Kasseler Orchester mit seiner über 500-jährigen Tradition. Vergessen werden auch nicht ehemals berühmte Sänger wie der Kastrat Giuseppe Morelli und die Primadonna Gertrud Elisabeth Mara. Ein kompakter Überblick also, gut lesbar und mit zahlreichen Bildern versehen.
3. Dezember 2004: „Interessieren Sie sich für Musik?" - Umringt von etlichen großen Ständen beim Budenfest ist es gar nicht so leicht, sein Produkt an den Mann resp. die Frau zu bringen. Dank unserer ausgefallenen Werbekampagnen und einem spontanen Umzug ins Zentrum der Aula entwickelt sich unser kleiner Stand jedoch zum Anziehungspunkt für die Massen. Unser Buch entpuppt sich als ideales Weihnachtsgeschenk und findet reißenden Absatz. Auch beim Weihnachtskonzert hält der Andrang an und die Verkaufszahlen steigen ins Unermessliche.
9. Dezember 2004: Als wir um 19.30 Uhr in der Buchhandlung Vaternahm eintreffen, deutet wenig darauf hin, dass hier eine halbe Stunde später die Vorstellung unseres Buches stattfinden wird. Schnell stellen wir die Klappstühle aus der Abstellkammer zurecht und warten auf den Ansturm an Zuhörern - leider vergeblich, denn der Eintrittspreis - das reden wir uns zumindest ein - hält doch den einen oder anderen Interessierten ab. So ist die Stimmung eher intim - wir danken Familie Richter für das vollzählige Erscheinen. Dennoch sind wir wie immer gespannt und nervös. Wieder sind die Versprecher an anderen Stellen („Asbach" statt „Als Bach...") doch auch diese Vorstellung gelingt, man ist mittlerweile eben zum Profi avanciert und kommt den Wünschen nach signierten Exemplaren gerne nach. Auch unser Horizont erweitert sich an diesem Abend: während der Begrüßungsansprache lernen wir viel über gelbe Bücher, die sich besser verkaufen als unseres. Der Abend endet mit einem Gläschen Wein und DJ Maxi legt noch einmal auf.
13. Dezember 2004: Unser Buch wird im Gespräch mit Ruth Fühner in hr2 „Mikado" vorgestellt.
29. Dezember 2004: Unter dem Titel „Da ist Musik drin" wirbt der „ExtraTip".
Februar 2005: Johannes Mundry rezensiert die „Kasseler Musikgeschichte" im „KulturMagazin": Da soll noch einer sagen, an unseren Schulen werde nichts gelernt! Das Buch zeigt auf anschauliche Weise, wie Schüler von heute, hier achtzehn aus der 12. Klasse des Wilhelmsgymnasiums, aus den Zahlen, Daten und Fakten, die sie büffeln müssen, auch etwas Sinnvolles gestalten können. Und ein erfreulicher Beitrag zum Prozess der Bewerbung um die Kulturhauptstadt ist es zudem. Kassels Musikgeschichte braucht sich nicht zu verstecken. [...] Die durchweg gut geschriebenen und auf eine einheitliche Länge gebrachten Artikel machen Freude beim Lesen. Dem Initiator Andreas Wicke, Musiklehrer am WG, kann man zu seiner Idee gratulieren - und zu seinen Schülern natürlich.
Auch auf der Website der Kasseler Kulturhauptstadtbewerbung http://www.kassel2010.de/ wird unser Projekt vorgestellt, im Nachhinein machen wir uns ernsthafte Vorwürfe und projektieren eine „Musikgeschichte der Städte Görlitz und Essen".
Musikkurs Jg. 13
Dr. Andreas Wicke
