Auto - Verkehr - Alternativen
Warum das Auto?
Verkehr
Alternativen
Perspektiven
Warum das Auto?
Das Auto, stellvertretend für alle motorgetriebenen Fortbewegungsmittel, ist aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Aber warum? Neben seiner primären Funktion, der Fortbewegung, erfüllt es sehr viel mehr Bedürfnisse als es uns manchmal bewusst ist.
Wirft man einen Blick auf unsere Strassen, bemerkt man sehr schnell, dass jeder Verkehrsteilnehmer über andere Teilnehmer eine Macht ausüben kann, was ihm ohne die Erfindung des Automobils vielleicht verwehrt geblieben wäre. - Jede Aktion und jedes Verhalten im Straßenverkehr fordert eine Reaktion bzw. Antwort seitens anderer Verkehrsteilnehmer.
Besonders in Deutschland ist die Ansicht verbreitet, dass das Auto ein Symbol für Rang und Prestige sein muss. Wo achtet schon sonst jemand so penibel auf jeden Lackkratzer und wo zählen denn sonst noch Marke und Ausmaße eines Autos schon so viel wie hier?
Für viele ist sogar die Freizeit ohne Auto nur schwer vorzustellen. - Denn, was gibt es für viele Menschen Schöneres, als bloß zum Zeitvertreib mit dem Auto durch die Straßen zu fahren oder die schöne Landschaft aus dem Auto heraus zu "genießen".
Das Auto ist ebenfalls das beliebteste "Spielzeug" seiner erwachsenen Besitzer. Es verschafft ihnen Lustgefühle, z.B. Beschleunigungs- und Geschwindigkeitserlebnisse, ebenso wie es gestattet, an ihm herumzubasteln und diverse Fahreigenschaften zu modifizieren und den eigenen Ansprüchen anzupassen.
Das Auto erfüllt noch sehr viele Funktionen, die man allerdings nicht unbedingt als "Bedürfnis" bezeichnen kann, meiner Meinung nach allerdings trotzdem erwähnenswert sind.
Darunter fallen Funktionen wie z.B. das Auto als:
- Kommunikationsmittel um Kontakte herzustellen und Nachrichten zu übermitteln
- Mittel um das andere Geschlecht zu beeindrucken und zu verführen
- Beleuchtungsgerät bei Nacht
- Haus auf Rädern ( inkl. Kleinem Haushalt, Essen, Trinken usw.)
- Fluchtfahrzeug
- Wetterschutz
- Ersatz für Sportgerät
Diese Faktoren sowie eine phantasielose und traditionelle Automobilindustrie verhindern eine Weiterentwicklung unseres Denkens ebenso wie die Trennung von Mobilität und anderen Faktoren, die eigentlich gar nichts mit dem Auto zu tun haben müssen, von dem vitalen Interesse unseren Lebensraum nicht zu beschädigen oder gar partiell zu zerstören.
Zu den oben genannten Funktionen muss man noch die sogenannten Extra-Motive hinzuzählen, bei denen das Auto u.a. dazu dient, sich "mal richtig ausleben zu können" ohne dabei auf andere achten zu müssen. Für einige Menschen ist das Auto so eine Möglichkeit den "Kick" oder auch "Thrill" zu erleben, den sie sich anders nicht trauen auszuleben. Bungee-Jumping, Free-Climbing o.ä. trauen sie sich dann doch nicht auszuüben oder diese Formen reichen ihnen nicht aus. Es ist also kein Wunder, dass sich zwischen 60% und 80% der Verkehrsteilnehmer im Straßenverkehr bedroht fühlen (Schweizer Beratungsstelle für Unfallverhütung).
Die Ursachen für ein solches Verhalten sieht die Wissenschaft in der frühen Kindheit. Kinder bauen ihr Selbstbewusstsein auf, indem sie u.a. neue Gefahren meistern und ihre Mütter von immer neuen Talenten und Fähigkeiten überzeugen können. Sie erwerben dadurch ein größeres Stück an Unabhängigkeit von ihren Eltern. Dieser "Thrill", wenn Kinder auf ihren Dreirädern und Rollern immer neue Kunststücke ausprobieren und dafür gelobt werden, ist im Prinzip für Erwachsene derselbe geblieben. Nur haben diese Dreirad und Roller gegen Auto und Motorrad eingetauscht.
Hinzu kommt hierbei in einigen Fällen auch der Alkohol oder andere Drogen, wodurch die Hemmschwelle zu unüberlegten Handlungen ebenfalls gesenkt wird. Da man davon ausgehen kann, dass schon 0,3 Promille ausreichen um die nötige Fahrsicherheit zu vermindern, dieser Wert allerdings schon bei geringem "Alkoholgenuss" überschritten werden kann, ist es verständlich, warum die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle, die auf Alkoholkonsum zurückzuführen, sind so erschreckend hoch ist. Besonders bei Jugendlichen ist die Zahl der Beteiligten sehr hoch. Diese haben noch wenig Fahrpraxis, fahren bis an ihre Grenzen ihres Fahrvermögens und sind für Alkohol und andere Drogen sehr zugänglich. Zwar ist die Zahl der Toten aus solchen Unfällen rückläufig, was beispielsweise auf häufigere Polizeikontrollen zurückzuführen ist, aber ebenso auf eine positive Entwicklung der Akzeptanz des Bürgers gegenüber Verzicht auf Alkohol im Straßenverkehr.
Verkehr
Die Weltautomobilproduktion erreichte 1995 50,2 Millionen Stück. Davon waren 72 Prozent Personenkraftwagen, der Rest entfiel auf Nutzkraftwagen. Mit dem Ansteigen der Weltbevölkerung steigen ebenfalls die Produktionszahlen der Automobilindustrie, sodass in einigen Jahren damit gerechnet wird, dass es zum sog. "Verkehrsinfarkt" kommt, sollte sich unser Verhalten nicht ändern. Dieser Verhaltensänderung stehen allerdings diverse Bedürfnisse und Einstellungen der meisten Menschen entgegen. Es liegt in der Natur des Menschen so mobil wie möglich zu sein. Und dieses Bedürfnis befriedigt das Auto erstklassig, jedenfalls noch so lange nicht alle Strassen überlastet sind.
Fast jeder Autofahrer ist sich darüber im Klaren, dass man etwas gegen die zunehmende Luftverschmutzung und den daraus resultierenden Treibhaus-Effekt unternehmen muss, allerdings existiert hier eine große Diskrepanz zwischen dem Wissen um den vorhandenen Notstand und einem angemessenen Handeln. Viele Autobenutzer wären bereit etwas aktiv für den Umweltschutz in Form von Einschränkungen der Autonutzung oder der Nutzung neuer Technologien zu tun, wenn sie wüssten, dass sie dabei nicht alleine bleiben und mithin die "Dummen" bleiben würden.
1993 hielten sich noch 61% der Autobenutzer für umweltfreundlich und schätzten sich damit selbst viel zu positiv ein. Ebenso besteht zweifellos ein emotionaler Bezug zum Auto, der es vielen Autobesitzern "verbietet", es zugunsten anderer Verkehrsmittel zu "opfern". Viele verbinden immer noch substanzielle Werte wie Freiheit, Unabhängigkeit u.ä.m. mit dem Auto. Außerdem wird die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung meist höher bewertet als spätere negative Konsequenzen, die einen ja vielleicht nicht mehr direkt betreffen. Ein großer Teil der Autobesitzer schiebt andere Probleme vor und verdrängt so die Umweltschutzproblematik. 25% der Autofahrer wollen gar nichts mehr von Umweltproblemen hören, da es ihnen auf die Nerven geht. Andere sind einfach zu schlecht informiert über mögliche Alternativen wie z.B. den ÖPNV.
Dieses Verhalten und die angesprochenen Diskrepanzen werden sich in den nächsten Jahren ändern, darin sind sich sehr viele Experten einig, einige gute Vorsätze sind ja schon gefasst worden. 1990 wurde der Umweltschutz als Staatsziel auch im Grundgesetz festgehalten. Doch scheint es da nicht kontraproduktiv, wenn beispielsweise Verkehrsminister Müntefering im Interview sagt, dass man auf das Auto angewiesen sei!? Sicher, das uns allen mehr oder weniger an das Herz gewachsene Auto war jahrelang unverzichtbar, doch die Zeiten ändern sich, ebenso wie die Technik. Man sollte inzwischen so weit sein, neue Alternativen zu nutzen und mit den uns jetzt schon gegebenen Möglichkeiten Ressourcen sparen und unsere Umwelt zu schonen, indem man z.B. bei der Verkehrsmittelwahl auch auf die Nutzung des Autos verzichtet, zu Fuß geht, das Fahrrad oder auch die Angebote des öffentlichen Personenverkehrs nutzt.
Alternativen
Es gibt gewiss einige sehr gute Alternativen zum Auto mit Verbrennungsmotor, womit man zu mindestens das Problem der Umweltverschmutzung, nicht aber -oder nur in geringen Maßen- das Problem des Platzmangels in den Städten in den Griff bekommen könnte. Einige dieser Möglichkeiten wären Autos mit Elektroantrieb, Stirlingmotoren (eingeschränkt), Wasserstoffmotoren, Solarautos usw. Die optimale Lösung, sowohl des Platz- als auch des Verschmutzungsproblems sind Fahrräder, Tricycles, E-Bicycles sowie überdachte und solarunterstützte "Human Powered Vehicles"(HPV). Für einen doch erstaunlich großen Teil der Großstädter ist es zwar schon jetzt möglich ganz ohne Auto auszukommen (41,5% autofreie Haushalte in Städten über 500.000 Einwohner), doch wäre eine Symbiose zwischen öffentlichen und individuellen Verkehrsmitteln, der sogenannte Mobilitäts-Mix, ein weiterhin anzustrebendes Ziel. Stadtautos mit Elektromotoren sind vorwiegend für Kurzstrecken ausgelegt, wie auch das Fahrrad überwiegend für Kurzstrecken geeignet erscheint, wenn man mal von Radwanderungen oder von "Fahrrad-Freaks" absieht.
Denkbar wäre beispielsweise ein problemloses Einladen von E-Autos und Fahrrädern in dafür konzipierte Waggons, um somit längere Distanzen problemlos zurücklegen zu können.
Unter globalen Gesichtspunkten gibt uns China ein gutes Beispiel für eine größtenteils ohne Auto funktionierende Gesellschaft, wenngleich die dortigen aktuellen Entwicklungstendenz Anlass zur Sorge geben. Weltweit erfolgt der größte Teil der Personentransporte nach wie vor mit Muskelkraft, weltweit gibt es gut doppelt so viele Fahrräder wie Autos, doch das Streben nach motorbetriebenen Fortbewegungsmitteln in allgegenwärtig und dominiert in den weniger entwickelten Gesellschaften.
Perspektiven
Unser Verhalten in Bezug auf den Individualverkehr wird sich in den nächsten Jahren ändern müssen. Die weiter oben kurz angesprochene Verankerung des Umweltschutzes als Staatsziel im Grundgesetz wie auch die internationalen Bemühungen um eine "nachhaltige Entwicklung" erfordern ein radikales Umdenken.
Unsere Aufgabe besteht darin, dieses Ziel durch umweltschonendes Verhalten zu realisieren. Attribute wie "platzsparend" und "verbrauchsarm" werden zukünftig das Auto in der Gunst der Käufer heben, unsere teilweise eingerissene Bequemlichkeit, sich nur motorisiert fortzubewegen, wird sich ebenfalls ändern, die Benutzung des ÖPNV, das Laufen und das Fahrradfahren wird an Bedeutung zunehmen.
Torben Lehmann
(Jgst. 12)
1999/2000 - 2. Hj.
